Berlinerick klärt auf: Warum ein Berliner in Berlin nicht Berliner heißt…

Oft bietet das Unerwartete die schönsten Überraschungen. Sind sie doch meist eines: unerwartet. Und daher überraschend. Bevor ich mich nun aber verbal im Kreis zu drehen beginne, sollte ich einfach mal zum Satzende kommen. Also zum Punkt.

Ich stand neulich früh an der S-Bahn-Haltestelle meines Vertrauens, und sinnierte ob ich mir in der morgendlichen Verfassung bereits ein Heißgetränk würde zutrauen wollen. Zu groß die Verbrüh-Gefahr, da ich eventuell die Warnhinweise auf den Kaffeebechern überlese aufgrund eines zu eingeschränkten Sichtfeldes.

Ich entschied mich das Risiko einzugehen, wurde aber auf meinem Weg in den DB ServiceStore von einem Schild gestoppt, welches das obige Reklamebild trug. Man wollte mir gepuderte Hefeteiglinge in Herzform zu meinem Kaffee kreuzverkaufen. An sich eine gute Idee, wäre da nicht dieses eine, oder andere, Detail. Auf dem Schild stand was von Herzberlinern. Wo ich zunächst an ein Kompliment für uns Berliner mit Herz dachte fiel mir schnell auf, dass diese rechtschreibliche Unzulänglichkeit (warum und seit wann schreibt man Herzberliner zusammen und / oder ohne Bindestrich?) auf dem Schild auch inhaltlich noch grundlegend falsch war.

Warum?

Weil Berliner in Berlin natürlich Pfannkuchen heißen. Klingt etwas unlogisch, es ist aber überhaupt gar nicht. Denn irgendwie beanspruchen wir diese Erfindung für uns. In den Anfangstagen dieser Back-Kreation hießen diese nämlich Berliner Pfannkuchen. Das Berlin hat man einheimisch aufgrund der räumlichen Nähe dann irgendwann weggelassen, so dass nur noch die Pfannkuchen übrig blieben. Während sich diese Spezialität dann offensichtlich über die germanischen Kleinstaaten verteilte, wurde diese ausheimisch eben auch unter Berliner Pfannkuchen bekannt. Wohingegen man außerhalb Berlins dann die Herkunft herausstellen wollte, und sie einfach zu Berlinern verkürzte.

Macht doch Sinn. Und so darf der Berlinerick das also wie folgt zusammenfassen:

Ein Wiener in Wien ist ein Wiener. 
Ein Berliner in Berlin? Kein Berliner!
Denn der Teigling mit Füllung,
und Zucker zur Umhüllung,
heißt Pfannkuchen hier. Nicht Berliner!

Ok, ich hoffe ich konnte hier zu etwas mehr Klarheit beitragen.

Nun ließe sich konsequenterweise folgendes Kammerspiel in 1,5 Akten erdichten, wenn in Berlin ein  potentieller Käufer und Verkäufer der obigen Waren aufeinandertreffen:

Kunde betritt frohen Mutes die Bäckerei: „Juuten Tach, ick hätt‘ jern 10 Berliner

Bäckereifachkraft: keine Reaktion

Kunde, etwas verwirrt, wiederholt ruhig. Wenn auch deutlicher: „Guten Tag. Ich hätte gerne 10 Berliner.“

Bäckereiverkaufsfachkraft: setzt an, gibt aber auf halben Wege auf

Kunde, höchstselbst kurz vor der Aufgabe und bereits im Abgang begriffen, entscheidet und formuliert um: „Werte Bäckersfrau. Ich wäre geneigt hier 10 gepuderte Hefeteiglinge käuflich zu erwerben. Praktisch ihrer, im Austausch mit dem Gelde, habhaft zu werden. Das Ziel wäre interfamiliär-gemeinschaftlicher Verzehr. Do you understand?

Bäckereikraft setzt nun nach: „Biste aus Berlin?“

Kunde, nun großäugig ob der ungeplanten Reaktion: „Jawohl, dit bin ick, Sir!“

Bäckereifachverkäuferin: „Juut, dann solltest du dit besser wissen. Da darfste nochmal. Wie heißt dit hier wohl?“

Kunde, nun vollends verschüchtert und fast abwinkend, stammelt: „Darf ich hier einkaufen? Bitte?“

Bäckereinverkaufsfächerin: „Na juut, weil ick heute juut druff bin. Dit heißt hier natürlich Pfannkuchen. Berliner sagste wenn du von woanders bist. Und dit biste ja wohl nicht. Also pass uff, ick lass dit nochma‘ durchjehen. Damit dir dit ne Lehre ist gibt’s heute aber nur 9 zum Preis von 10. Eena für mich. Verstehste, wa?“

Kunde zieht von dannen mit den 9 Berli…Pfannkuchen natürlich. Nicht, dass er schlussendlich nicht bekommen hätte was er verlangte. Wie eine Niederlage fühlt es sich trotzdem an. Irgendwie.

René

PS. Die Bockwurst kommt auch aus Berlin. Dazu an anderer Stelle mehr. Mahlzeit 🙂


Ein Hinweis in eigener Sache: Dieser Beitrag wird es so oder ähnlich natürlich auch in mein Buch schaffen. Glückwunsch, lieber Beitrag 🙂 Mehr Informationen dazu gibt es auf der Buchseite.

12 Kommentare

      1. Wie oft muss ick det hier im Ruhrjebiet erklären. Dit mit die Pfannkuchen, die Eierkuchen heißen und die Berliner, die Pfannkuchen heißen. Wenn ick denn noch darüber dozieren muß, warum die Tagesschau immer bis viertel neun jeht, dreh ick rejelmäßig durch 😉
        P.S. der Berlinerick is spitze 😁

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      2. Dit in Berlin zu erklären issja schon manchmal anstrengend jenug. Aber dann ooch noch die von janz woanders. Ick hoff die vastehen dit. Bleibste dran, ja? Zur not denkste dir selbst n Berlinerick aus 🙂

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  1. In der Schweiz heisst es Zürcher Geschnetzeltes oder man redet vom Zürcher Bahnhof aber nie von Züricher. In Deutschland hingegen scheint das „Züricher“ üblich zu sein. Wenn also ein „Berliner“ in Berlin Pfannkuchen heisst, dann darf er in der Schweiz auch Berliner heissen.

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  2. In Frankfurt kriegt man übrigens fast nur Wienerwürstchen, während ich in einem Wiener Blog lesen durfte, dass dort hauptsächlich Frankfurter Würstchen angeboten werden. Den Unterschied bemerkt kein Mensch aber eine exotische Herkunft war schon immer ein Verkaufsargument. Bei uns heißen Berliner übrigens Krebbel.

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  3. Also wirklich, diese Hefe- nein, schon wieder falsch! – diese Germteiglinge heißen doch bittesehr Krapfen. Immer schon. Pfannkuchen gibt es hier auch nicht. Weder solche mit Germ zubereitet, noch andere. Das sind bei uns nämlich Palatschinken. Wollte man die (optimalerweise ungezuckerten) Palatschinken feinnudelig in die Suppe schneiden, nennt man das dann Frittaten. Eh klar, oder? 😇

    Jetzt hungrige Grüße aus dem niederösterreichischen Waldviertel, wo schon Wien weit weg scheint und Berlin noch viel weiter,
    Veronika

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    1. Ich danke dir für diese klärenden Worte vom südlichen Zipfel Europas. Also mehr oder weniger 🙂 Den Palatschinken kenne ich aus dem Ungarischen, Ursache dafür könnte ja auch in der Historie zu finden sein. Aber das Wort Frittanten gibt es tatsächlich, ja?

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